Spezialisiert, integriert oder globalisiert – Wohin entwickelt sich die deutsche Schweinehaltung?
Auf der diesjährigen ISN-Mitgliederversammlung in Münster diskutierte die ISN vor rund 300 Mitgliedern und Gästen mit Vertretern der Schlachtbranche über die aktuell paradoxe Marktkrise, Wege aus dem drohenden Strukturbruch und zukunftsfähige Preisbildungsmodelle.
Mitten in der Grillsaison und parallel zur Fußball-WM stürzt die Basisnotierung auf ein ruinöses Niveau von 1,50 €/kg Schlachtgewicht ab und beschert Erzeugern Verluste von rund 50 Euro pro Tier. Diese Krise wird dadurch verschärft, dass sich Betriebe kaum gegen unkalkulierbare globale Marktrisiken absichern können und gleichzeitig viele neue Anforderungen umsetzen müssen. Dieses existenzbedrohende Spannungsfeld wurde auch vom ISN-Vorsitzenden Christoph Selhorst sowie dem Geschäftsführer Dr. Torsten Staack in ihren Berichten eindringlich unterstrichen. Im Anschluss verfolgten rund 300 Besucher eine spannende Podiumsdiskussion, moderiert von Andreas Beckhove (top agrar) und Michael Werning (SUS).
Paradoxer Markt: Warum der Schweinepreis trotz Grillsaison am Boden liegt
Warum der Preis trotz Grillsaison, WM und normalem Angebot so niedrig sei, erklärte Dr. Gerald Otto (Böseler Goldschmaus) mit schwacher Nachfrage und Feiertagsdruck. Jürgen Wehenpohl (Brand Qualitätsfleisch) sah die Lösung in aktivem Absatzimpuls, z.B. über die Initiative Fleisch. Gereon Schulze Althoff (Premium Food Group) beschrieb ein zweigeteiltes Bild: Wir sehen im Einzelhandel durchaus Impulse. Das große Dilemma ist der Bereich Großverbraucher – Kantinen, aber auch Gastronomie.
Er plädierte für gezielte Fleisch-Aktionen im Handel und die Einbindung der Großverbraucher beim Thema deutsche Versorgungssicherheit.
Nischenmärkte oder globaler Export?
Auf die Frage, ob die Flucht in die Nische ein Ausweg sei, antwortete Wehenpohl mit Ja: Wären wir den Weg in die Nische nicht gegangen, würde es uns heute nicht mehr geben
. Da der Handel verstärkt Haltungsform (HF) 3 auflege, liege hier eine Chance. Er warnte jedoch vor einer zu kleinen Produktpalette und zu hohen Preisen, die Kaufzurückhaltung auslösen: Das Schwein muss ganzheitlich in den Märkten untergebracht werden.
Gerald Otto forderte hingegen einen zweigleisigen Ansatz. Neben dem Inland brauche es weiterhin den weltweiten Markt: Für die Produkte, die wir hier nicht platziert bekommen, brauchen wir einen offenen Export.
Lösungsansätze gegen den Strukturbruch in der Ferkelerzeugung
Da besonders Ferkelerzeuger vor enormen Investitionen stehen, fragten die Moderatoren nach dem drohenden Strukturbruch. Gerald Otto betonte: Wir müssen die Sauenhaltung bei uns behalten, Stichwort Rohstoffsicherung. Dafür brauchen wir einen fairen Umgang miteinander, aber auch zwischen Mäster und Ferkelerzeuger.
Schulze Althoff sah im Tierhaltungskennzeichnungsgesetz einen wichtigen Schritt zur Planungssicherheit. Bei staatlichen Hilfen gingen die Meinungen auseinander: Während Wehenpohl forderte, dass der Markt die Preise selbst regeln müsse, hielten Otto und Schulze Althoff staatliche Anschubfinanzierungen für sinnvoll.
Verträge und Preisbildung: Die Debatte um den richtigen Weg
Der Höhepunkt der Diskussion lag auf zukunftsfähigen Preisbildungsmodellen. Wenn es ein klares Bekenntnis zum deutschen Fleisch gibt, darf dieses deutsche Fleisch nicht von den Weltmarktpreisen abhängen. Dann muss man dafür ein anderes Preismodell finden,
erläuterte Schulze Althoff. Wo man im Weltmarkt konkurriert, werde man jedoch die Weltmarktentwicklung abbilden müssen. Jürgen Wehenpohl schlug vor, die Notierung zu diversifizieren: Konkret: eine Notierung für QS-Schweine, eine weitere für ITW-Schweine.
Bei HF 3 und 4 plädierte er klar für langfristige Festpreise statt flexibler Aufschläge. Gerald Otto sprach sich hingegen für ein Aufschlagmodell aus.
Verlässlichkeit durch Kontraktmodelle
Wehenpohl sieht verlässliche Kontrakte als zwingend notwendig an, um Investitionen abzusichern: Wir brauchen verlässliche Verträge und verlässliche Zusagen und da gehört ein fester Preis dazu.
Ein Einwurf aus dem Publikum regte an, über Preissicherungen bereits zum Zeitpunkt des Belegens der Sauen nachzudenken. Schulze Althoff stimmte dem zu: Planbare Ergebnisse müssen unser Ziel sein.
Moderator Andreas Beckhove fasste zusammen: Auch wenn heute keine Lösung gefunden wurde, sei doch deutlich geworden, dass alle Beteiligten ein ernsthaftes Interesse daran haben, dass auch die Erzeuger ein faires Stück vom Kuchen erhalten – denn davon hänge letztendlich die Zukunft des Schweinebestandes in Deutschland ab.
Schweinehalter dürfen wirtschaftliche Risiken nicht allein tragen
Dr. Torsten Staack, ISN-Geschäftsführer kommentiert: Die Verwerfungen am Schweinemarkt werden immer extremer, doch die Risiken tragen die Schweinehalter weitgehend allein. Während sich die Jahresschwankungen in Deutschland vor 2020 im Rahmen von 30 bis 50 Cent bewegten, erleben wir seitdem extreme Ausschläge von 80 bis 90 Cent – eine völlig neue, existenzbedrohende Dimension der Marktunsicherheit. Die Marktstrukturen haben sich grundlegend verändert, doch das System der Preisbildung nicht. Die VEZG-Notierung ist und bleibt die europäische Leitnotierung, sie kann aber die veränderte Mischung der Märkte heute nicht mehr alleinig abbilden. Da bisherige Abnahmeverträge in den meisten Fällen kaum Schutz gegen wirtschaftliche Risiken bieten, müssen sich Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel jetzt als echte Partner beweisen und Verträge mit verlässlicher Abnahmesicherheit und wirtschaftlicher Planbarkeit liefern.
Staack weiter: Wir müssen die Systematik der Preisbildung und Abnahmeverträge weiterentwickeln und an veränderte Markt- und Vermarktungsstrukturen anpassen. Wir stellen fest, dass mittlerweile auch die abnehmende Seite erkannt dass, dass sonst ein Riss der Wertschöpfungskette droht. Ohne Frage, der Markt lässt sich nicht aushebeln. Die Betriebe müssen aber die Möglichkeit haben, sich gegen stärkere Schwankungen abzusichern und Risiken wirksam abzufedern. Ansätze dafür gibt es genug, wenn man sich den derzeitigen Wildwuchs der am Markt vorhandenen Abnahmeverträge über alle Haltungsformstufen hinweg anschaut.




